Caritas-­Flüchtlingshilfe Essen e.V.

Licht am Ende des Tunnels?

Zur Umsetzung des Strategiekonzeptes Betreuung von Flüchtlingen


Ende des Jahres 2016 wurde durch den Sozialdezernenten Peter Renzel das Strategiekonzept "Betreuung von Flüchtlingen in Essen" erstellt. Es kann hier heruntergeladen werden.

Der Sozialdezernent entwickelt darin in Grundzügen ein Konzept für die zukünftige Integration von Flüchtlingen in die Gesellschaft, wie sie in den Stadtteilen stattfinden soll. Integration wird als „eigenverantwortliche und selbstgestaltete Teilhabe und Teilnahme am sozialen Leben“ bestimmt.

Integration in diesem Sinne setzt voraus, dass der Einzelne sich zumindest so geborgen fühlt und dass er so frei von elementaren Sorgen um sich und seine Familie ist, dass weitere Schritte überhaupt stattfinden können. Beispiel: Wenn eine Familie mit Kindern in einer Ein-Zimmer-Wohnung lebt, wenn keine Krankenversicherung besteht, wenn Kinder keine Schule besuchen können, wenn Eltern und Kinder oder Ehepartner jahrelang getrennt voneinander und in Angst um ihre Angehörigen leben – dann bleibt wenig Raum für das Erlernen der deutschen Sprache, für die Auseinandersetzung mit unseren Werten, für Sport im Verein oder für das Singen im Chor. Je schneller diese elementaren Probleme gelöst werden, desto eher kann Integration beginnen.

Während der letzten zwölf Monate hatten die meisten Flüchtlingen bei solchen Problemen keinen festen Ansprechpartner. In Essener Wohnungen leben rund 12.000 Flüchtlinge, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind. Einige von ihnen können bei Bedarf einen Sozialarbeiter aufsuchen, der im Auftrag der Stadt arbeitet und auch von ihr finanziert wird. Genaue Zahlen fehlen uns hier. Es mögen 3.000 oder 4.000 Menschen sein. Größer ist in jedem Fall die Gruppe derer, die sich bei Problemen Hilfe bei einzelnen Ehrenamtlichen oder bei spendenfinanzierten Einrichtungen suchen, was sowohl die Ehrenamtlichen als auch die Einrichtungen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit bringt. Eine solche Einrichtung ist das Begegnungszentrum des Caritas Flüchtlingshilfe e. V. in der Elisenstraße 13.

Flüchtlinge haben spezifische Probleme und sie bringen spezifische Voraussetzungen mit. Im Begegnungszentrum Elisenstraße 13 arbeiten zwei hauptamtliche Mitarbeiter, die von der Deichmann-Stiftung finanziert werden. Dazu kommen einige deutsche Ehrenamtliche sowie zahlreiche Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak, die nach zwei oder drei Jahren Aufenthalt in Deutschland ehrenamtlich als Dolmetscher arbeiten. Wenn alle Mitarbeiter gesund bleiben, niemand im Urlaub ist und keine externen Termine im Wege stehen, führen wir wöchentlich bis zu 90 Beratungen durch. Die Wartezeiten auf einen Termin liegen dennoch bei bis zu drei Wochen. Unsere Ansprechpartner sind das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, die Ausländerbehörden in Essen und in anderen Gemeinden, Vermieter, Stromanbieter, Gasanbieter, Telefonanbieter, die Jobcenter und Sozialämter in Essen und anderswo, das Kommunale Integrationszentrum, das Schulamt, das Jugendamt, Kindergärten, Schulen, Krankenkassen, Banken, Träger von Integrationskursen, Botschaften in der Türkei, im Libanon und in weiteren Ländern sowie viele weitere Stellen.

Ohne sehr gute Deutschkenntnisse und ohne spezifische Kenntnisse über Zuständigkeiten und Abläufe bei den genannten Stellen, sind die oben angesprochenen elementaren Probleme nicht zu lösen. Den Flüchtlingen eine Beratung durch ausgebildete, hauptamtliche Sozialarbeiter zu ermöglichen, ist Aufgabe der Stadt. Ihr nachzukommen ist nicht nur im Interesse der Flüchtlinge, sondern auch im Interesse der Stadtgesellschaft. Der Sozialdezernent hat dies erkannt, sein Strategiekonzept endet mit dem Satz „Eine zeitnahe und umfassende Integration verhindert massive Folgekosten für die Kommune.“

Die Stadt setzt sich mit ihrer Aufgabe auseinander, tatsächlich geschehen ist bis heute wenig. Für die oben angesprochenen Menschen bieten der Caritas für die Stadt Essen und das Diakoniewerk, von der Stadt finanziert, offene Sprechstunden an. Zurzeit sind dies rund 40 Stunden wöchentlich.

Bereits im Dezember 2016 hatte der Ausschuss für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Integration jedoch einstimmig beschlossen (Enthaltung EBB), das Strategiekonzept so schnell wie möglich unabhängig von Landes- und Bundesmitteln umzusetzen. Nun scheint die Umsetzung tatsächlich bevorzustehen: Sieben neue Stellen bei den Sozialen Diensten des Jugendamtes sollen in den nächsten Wochen besetzt werden und mit dem Caritasverband und dem Diakoniewerk laufen die Gespräche über neu zu schaffende Stellen für Sozialarbeiter vor Ort. Insgesamt 4,3 Mio. € sollen dafür während der nächsten beiden Jahre investiert werden. Darüber freuen wir uns und hoffen, dass die koordinierenden Mitarbeiter bei den Sozialen Diensten und die Sozialarbeiter in den Stadtteilen ihre Arbeit bald aufnehmen werden!

Vielleicht gibt es dann auch eine Entlastung in dem folgenden Punkt: Bisher fehlt es tausenden Menschen nicht nur an einer Beratungsmöglichkeit durch die Stadt. Die einzelnen Behörden der Stadt unternehmen auch wenig, um die spendenfinanzierten Einrichtungen in ihrer Arbeit zu unterstützen:

Ein einzelner Anruf bei der Ausländerbehörde kostet die Mitarbeiter in der Elisenstraße 13 durchschnittlich 40 Minuten in der Warteschleife. Je nachdem, welcher Mitarbeiter dort den Hörer abhebt, werden unter Umständen nur bis zu zwei Anliegen bearbeitet. Für eine dritte Frage ist ein weiterer Anruf erforderlich. Es ist auch nicht möglich, sich von einer der drei Stellen innerhalb der Ausländerbehörde weiterverbinden zu lassen: Hat man ein Anliegen mit der Dokumentenausgabe geklärt, so muss man erneut anrufen, um das Anliegen eines Asylbewerbers zu besprechen, und ein drittes Mal, wenn eine weitere Person schon einen Aufenthaltstitel bekommen hat.

Ein direkter Kontakt zu den Sachbearbeitern in der Leistungsabteilung des Jobcenters ist gar nicht möglich: Wir haben keine Telefonnummern. Wir müssen also das Anliegen des Flüchtlings bzw. seine Reaktion auf eine Anfrage des Jobcenters in Briefform fassen. Den Brief bringt der Flüchtling zum Jobcenter, dort wird er bearbeitet und der Flüchtling erhält ggf. eine Reaktion in Briefform nach Hause. Mit dieser kommt er dann wiederum zu uns. Dabei wäre in vielen Fällen eine Erreichbarkeit per Telefon oder E-Mail unerlässlich für das effektive Bearbeiten einer Sachlage.

Manchmal gibt es auch Änderungen bzgl. der Zuständigkeiten und Abläufe zwischen den Behörden oder innerhalb einer Behörde. Von solchen Änderungen erfahren wir regelmäßig erst nach deren Umsetzung von Kollegen, Flüchtlingen oder Ehrenamtlichen.

Wir haben Änderungsvorschläge für die Erreichbarkeit der Ausländerbehörde gemacht, wir haben um Telefonlisten der Jobcenter-Mitarbeiter gebeten und wir haben darum gebeten, uns punktuell dort einzubinden, wo neue Regelungen innerhalb der Verwaltung an die Mitarbeiter kommuniziert werden. Geschehen ist bisher nichts. Dennoch machen wir weiter, um der Menschen willen.

Thorsten Smitkowski,
Leiter des Begegnungszentrums

<- Zurück zu: Aktuelles